Eine Postkarte aus Lyon

Katrin von Maltzahn: Eine Postkarte aus Lyon. In: Jens Schubert, Universum. Erschienen anlässlich der Ausstellung der Preisträger des Marion Ermer Preises 2011 vom 9.12.2011 bis 5.2.2012 im Oktogon, Hochschule für Bildende Künste Dresden. Berlin: The Green Box 2011. 

... ich sitze im Flugzeug auf dem Rückweg von Helsinki. Gestern war die Eröffnung von „Familiarity“ im Vantaa Art Museum. In der Eröffnungsrede hat Roger Palmer, ein englischer Künstlerkollege, darüber gesprochen, wie man durch das Schauen eine Beziehung zu einem Kunstwerk aufbaut. Sich damit anfreundet, indem man ein Stück von sich in das Betrachtete hineingibt. Zwei Geschichten, die des Betrachters und die des Kunstwerkes, gehen eine Liaison ein. Diese Vorstellung gefällt mir, denn sie räumt beiden Seiten Freiheit ein. Für mich ist ein Kunstwerk, wenn es das Atelier oder die Werkstatt verlässt, ein Botschafter für sich selber. Das bedeutet, es ist Sender und Gesendetes in Einem – kein Diplomat. 

... heute war ich Teilnehmerin der Konferenz „Paradoxes of History“. Es ging unter Anderem darum, was der Kontext für ein Kunstwerk bedeutet – und ob ein Werk Erläuterungen des Künstlers mitliefern sollte, um verstanden zu werden. Ist es ein Risiko für einen Künstler, missverstanden zu werden? Sollte er das verhindern? Und wenn ja, wie? Gibt es überhaupt eine Verantwortung, dagegen Vorsorge zu treffen?

Vor zehn Tagen habe ich eine Postkarte von Jens Schubert aus Lyon erhalten. Auf der Rückseite steht: „Liebe Katrin, viele Grüße aus dem sonnigen Lyon. Hier lässt es sich recht gut leben. Mehr erzähle ich dir später. Jens“. Die Vorderseite zeigt eine nächtliche Fotografie der Lyoner Kathedrale Primatiale Saint-Jean, schillernd erleuchtet durch einen Lichtkünstler während des Fête des Lumières 2008. Eine prächtige Fensterrosette, ein Skulpturenfries und die Schmuckbänder und -flächen der Portale strahlen in komplementären Farbnuancen von Violett und Gold bis Chromoxidgrün und Magenta. Licht entmaterialisiert hier die schwere romanisch-gotische Architektur. Sie wird zu Bild. Mir war sofort klar, warum der Künstler aus einer Vielfalt von touristischen Motiven genau dieses gewählt hat. 

Beim Anblick der Postkarte habe ich frühe kleinformatige Siebdrucke Jens Schuberts vor Augen. Sie zeigen gezeichnete Studien von Turmspitzen in Stockholm – Kuppeln, Dome, Giebel; zwiebelförmige, unterschiedlich gestaltete Dächerarchitekturen. Diese Drucke sind einfarbig – genauso wie die schwarzweißen Linolschnitte "Bad Fairy Tales – Geschichten über die bösen Feen", denen ich während meines ersten Rundgangsbesuches an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig im Januar 2009 begegnet bin. Charakteristisch für gedruckte Kunstwerke, aber untypisch für Schuberts spätere Druckwerke, existieren sie noch in einer Auflage von  wenigenExemplaren. 

Die „Bad Fairy Tales“ sind aus einzelnen Elementen gebaute Bilder – ich erkenne Teile skandinavischer Lampen, chinesische Laternen, Schneebesen, Küchenquirle, Gedrechseltes, Musikinstrumente, Gehäuse von Schalentieren und Häute von Reptilien, ein Krokodilgebiss, einen Schlangenkopf, Schmetterlingsflügel, Käferpanzer, Margeritenblüten, Amöben, Seeanemonen und Quallen, Bumerangs, Masken, Fußabdrücke, Perlenketten, Schutzschilder, Schwertscheiden, Totenköpfe, geometrische Muster. Alle diese Teile bilden auch die Grundbausteine für die zukünftige Arbeit Jens Schuberts. Hier sind sie unabhängig von ihrer Originalgröße verwendet, auf das Wesentliche ihrer Form reduziert und zu einem großen Ganzen miteinander verwoben. Die Bilder schwingen zwischen Mikro- und Makro-welten. Die Geschichten, die „Bad Fairy Tales“, werden nicht linear erzählt, sondern sie passieren in einem Moment und auf einer Fläche (ich stelle mir ein Schattenspiel vor), durch die der Betrachter mit den Augen und der Fantasie hindurch und entlang wandern kann. 

Im Vergleich zu der erleuchteten Kathedrale in Lyon ist in diesen einfarbigen Linoldrucken das Licht noch ausgeschaltet. In seinen folgenden Werken wird der Künstler das radikal und obsessiv ändern. Parallel zur Entwicklung seiner farbigen Drucke legt Jens Schubert Pinsel und Farbe beiseite. Jetzt schneidet er nachts in der Wohnung nur noch Druckstöcke – Schubert beschreibt diese Tätigkeit als „grafische Arbeit“. 

In Zeiten der Hochproduktion herrscht Chaos – alles andere wird vernachlässigt. Permanent müssen neue Druckstöcke produziert werden, obwohl diese theoretisch wieder verwendbar sind. Der Künstler benötigt das Schneiden und das Herstellen seiner Formen, um sich jedem Bild bewusst und immer wieder neu anzunähern. 

Seine Tage verbringt er meist in der Hochdruckwerkstatt der Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er bis heute als Student eingeschrieben ist. Die Druckprozesse, die bei mehreren Bildern parallel laufen und von Bild zu Bild unterschiedlich lange dauern, beschreibt er als „malerische Arbeit“. Die Technik des Linolschnitts, das Schneiden und das Drucken, charakterisieren seinen besonderen Arbeitsprozess, der sowohl für die Bildfindung als auch für die physischen Eigenschaften des Bildes – wie das Abdecken von dunklen durch helle Farben, das gleichmäßige und glatte Auftragen von Flächen – notwendig ist. Die Resultate sind Unikate. An den Bildrändern lassen sich Arbeitsspuren ablesen – Fingerabdrücke des Künstlers, seine Farbpalette, Enden von Formen sowie Linienstrukturen der Bildelemente, die teilweise auf dem Bild selber gar nicht mehr offensichtlich sind.

Jens Schuberts Linoldrucke setzen sich aus unzähligen gedruckten Farbschichten zusammen. Das Medium erlaubt ihm, helle leuchtende Farben im Untergrund mit dunklen Farbschichten auszulöschen und dann in den oberen Schichten wieder aufzunehmen. Der Künstler erweitert seinen Formenkanon durch Typologien – eine Sternform steht neben gezackten Kreisen, sich überlagernden Vierecken, einer Backform, einem Anarchosymbol und Zahnrädern. Oder verschiedene Wolken- und Wellendarstellungen zitieren Details aus der Kunstgeschichte. Bauikonen, wie die Freiheitsstatue, das Chryslerbuilding oder Abbildungen der biomorphen Kuppeln Buckminster Fullers tauchen auf. Der Künstler integriert sie als Formen in seine Bilderwelt und lässt sie freimütig mit Regenbögen, Pflanzenornamenten, Lungenflügeln, Sprechblasen, Mandalas oder Spielbrettmustern in einen Dialog treten. 

Stand der Betrachter bei den „Bad Fairy Tales“ noch weit vor dem Bildgeschehen, scheinen im Verlauf der folgenden Arbeiten die Bildgegenstände näher heranzurücken. Die Bildformate sind vollflächig bearbeitet, das Geschehen geht potentiell über den Rand hinaus, Farben, Proportionen und Formen erzeugen Bildtiefe. Wie bei einem Film wird man durch eine Art optischen Sogeffekt in den Bann gezogen. Schuberts Bilder wirken großzügig, denn sie sprühen vom Farbmaterial und der Energie des Autors. Sie zeigen Spuren der Dinge, die ihm in unserer Zeit  in die Augen fallen – sei es durch Bücher, in der Natur, im Museum, in der Küche, beim Googeln oder Fernsehen. Bei einem Musiker würde diese Arbeitsweise Sampling heißen – aus Versatzstücken und Zitaten wird etwas Neues, etwas Autonomes geschaffen. Manche der verwendeten Formen können ihre Herkunft nicht verleugnen – sie bleiben als Zeichen in Jens Schuberts Bildern bestehen. Andere geraten in Beziehungen miteinander und bildhafte Ähnlichkeiten lassen Schlüsse hinsichtlich gemeinsamer Ursprünge ziehen. Natur und Kultur, Wissenschaft und Kunst gehen visuelle Symbiosen ein.

Die jüngsten Werke des Künstlers zeigen bühnenartige Szenarien und lassen mich an die metaphysischen Bildkompositionen Giorgio De Chiricos denken. Reale Elemente wie Tannenzapfen, Federn, eine Blüte und arrangierte Faltenwürfe sind mit geometrischen Formen kombiniert, die über Farbigkeit und Schraffuren Perspektiven und Symmetrien andeuten. In seinen aktuellsten Ausstellungen sprengt Jens Schubert seine Bildgrenzen durch raumgreifende Installationen. Die Wände werden dunkel farbig gestrichen, seine Bilder wie Schilder und Fenster hineinkomponiert, der Boden wird vollständig mit den für seine Drucke verwendeten Linoleumplatten ausgelegt. Ein Accessoire, eine Boa aus schrillfarbenen Pfauenfedern, regt sich im Raum, als sei sie einem der Bilder entsprungen. Der Betrachter bekommt das Gefühl, einen Bühnenraum zu betreten und dadurch Teil eines Rituals oder einer Initiation zu sein. Das Erlebnis beansprucht alle Sinne – Raumtemperatur wird über die Haut gefühlt, die Nase riecht Farbe, das Ohr nimmt die Stille im Raum wie einen leise gestellten Sound wahr. 

Ist es die Postkarte aus Lyon, mit der Jens Schubert die zu Beginn von mir erwähnten vorsorglichen Maßnahmen getroffen hat? Oder sind es seine reichhaltigen Werke und wunderkammerartigen Installationen selber? Sie jedenfalls inspirieren meine Fantasie. Hier verbinden sich die Geschichten der Kunstwerke und ihres Autors mit denen des Betrachters zu etwas weit über die Grenzen von Sprache hinaus.