erhaben - (und seitenverkehrt)*

Katrin von Maltzahn: erhaben - (und seitenverkehrt)*.  In: Hochdrucken. Erschienen anlässlich der Ausstellung: Hochdruck an der HGB Leipzig, vom 26.8.-24.9.2011. Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, Leipzig: 2011. 

* Der Titel bezieht sich auf die Grundtechnik des Hochdrucks: Abgedruckt werden nur die hochstehenden Linien, Stege oder Flächen des spiegelverkehrten Druckstockes.

Im Februar 2009, zwei Monate bevor ich meine Stelle als Professorin für künstlerische Lehre in den künstlerischen Druckwerkstätten antrat, besuchte ich meinen ersten Rundgang an der HGB. Aus gegebenem Anlass konzentrierte ich mich insbesondere auf die gedruckte Kunst und schrieb mir etliche Namen auf: Im Treppenhaus hing ein großer Bilderblock aus schwarzweißen Linoleumschnitten von Jens Schubert – komplexe Kompositionen aus visuellen Fundstücken globaler High- und Low-Kultur zu abstrakten und ornamenthaften Bildern gesampelt. In der Klasse von Neo Rauch entdeckte ich runde Linolschnitte von Sebastian Speckmann. Wie durch ein Objektiv sah ich kryptische nächtliche filmische Szenen darin – die in den Druckstock geschnittenen Spuren wirkten wie Perforierungen in den Blättern. Ich begegnete zum ersten Mal den Holzschnitten mit übersetzten Bilderwelten von Club- und Tattooshop-Szenen von Gabriela Jolowicz; den ersten Teilen eines Archivs von Holzschnitten, betitelt Cabins, von Gerlinde Meyer – auf Holzblöcke gedruckte Schwarzweißbilder von Buden, Wohnwagen, Imbissen und Tankstellen; Robert Schwarks Drucken aus Computerspielwelten entsprungenen Cyberfiguren – und Buchstabenstempeln inklusive entsprechendem Druckzubehör im Klassenraum von Fred Smeijers. Ich war überrascht über diese Vielfalt der im Hochdruck entstandenen Werke. Gleich zu Beginn des Sommersemesters im April 2009 überreichten mir der Rektor Joachim Brohm und die Kanzlerin Maria-Cornelia Ziesch meine Berufungsurkunde – ein wunderschönes Dokument, mit Bleisatz und Klischee gedruckt, gebunden und geprägt in den Grafischen Werkstätten von Karla Fiedler.

Durch meinen Kollegen Fritz Best wurde ich mit den verschiedenen Druckwerkstätten bekannt gemacht – veranstalteten gemeinsam ein Seminar mit dem Titel „Das Unsichtbare sichtbar machen”, ein Motto, das auf die Arbeitsprozesse aller druckgrafischen Techniken übertragbar ist. Parallel stellte ich mich bei Institutionen und Werkstätten in Leipzig vor, die im Bereich Grafik arbeiten. Mein erster Besuch galt Jeannette Stoschek, der Leiterin der Graphischen Sammlung am Museum der bildenden Künste Leipzig. Sie machte mich auf Christoph Ruckhäberle, Christiane Baumgartner und Lubok aufmerksam, schickte mich zu Hoch & Partner, Galerie und Werkstatt für Holzschnitt und Hochdruck, sowie zu Thomas Siemon von der Druck- und Grafikwerkstatt edition carpe plumbum und erwähnte zum ersten Mal das Hochdruckprojekt, das 2011 in Leipzig stattfinden sollte. Stück für Stück entwickelte sich mein Netzwerk an der HGB und in Leipzig. Ich begann Kontakte zu den Druckgrafikabteilungen an anderen Kunsthochschulen zu vertiefen. Beispielsweise kamen Jo Stockham, Leiterin des Department of Printmaking am Royal College of Art in London, und Gesa Puell von der Kunstakademie München zu Besuch. Gemeinsam mit Christiane Baumgartner, Leipziger Künstlerin, veranstalteten wir einen achtstündigen Präsentations- und Diskussionsmarathon mit Studierendenarbeiten. Kritische Fragen nach der Relevanz, Bedeutung und den Möglichkeiten von traditionellen Technologien heute und in Zukunft gehören zu ständigen Begleitern unserer Veranstaltungen. Unterstützt durch Feedback von außen sowie eigene Besuche an Kunsthochschulen in Braunschweig, Helsinki, London, Johannesburg, Malmö und Melbourne habe ich den Eindruck gewonnen, dass der Hochdruck bei Studierenden aus der HGB Leipzig durch seine über Generationen praktizierte kontinuierliche und intensive Lehre (Kurse im Holzschnitt, Handsatz, Bucheinband) eine besondere Bedeutung und künstlerische Ausdruckskraft entwickelt hat. Ich konnte Matthias Kleindienst, den technischen Leiter der Hochdruckwerkstatt an der HGB und Galerist in Leipzig, davon überzeugen, „Schnittstelle Druck”, ein Ausstellungsprojekt mit druckgrafischen Arbeiten von internationalen etablierten Künstlerinnen und Künstlern sowie von herausragenden Studierenden, gemeinsam mit mir durchzuführen. Im Frühjahr 2010 veranstalteten wir in Kooperation mit dem Museum der bildenden Künste Leipzig Ausstellungen an beiden Orten. Im Zentrum standen gedruckte Kunstwerke, die autonomen Status besitzen. Das bedeutet, dass ein Werk in einer Technik umgesetzt wurde, weil diese eine besondere Bildqualität hervorbringt, die durch keine andere Form zu ersetzen ist oder das Ergebnis eines Arbeitsprozesses darstellt, der grundlegend für das Kunstwerk ist. Ein Großteil der Arbeiten in „Schnittstelle Druck” waren Hochdrucke wie z.B. Arbeiten von Christine Baumgartner, Fritz Best, Martin Groß, Gabriela Jolowicz, Daniel Krüger, Stephanie Marx, Tal R, Christoph Ruckhäberle, Stefanie Schilling, Jens Schubert, Robert Schwark, Claus Stabe, Sebastian Speckmann, Jan Svenungsson, Gerd & Uwe Tobias und Steve Vizens. Ein besonderer Beitrag der Ausstellung waren für mich auch das Plakat, die Einladungskarte und die Beschilderung von Anna Gille und Timo Hinze, Studierende der Klasse Systemdesign von Oliver Klimpel. Ihre Druckwerke wurden in den Grafischen Werkstätten der HGB durch Bleisatz, Linolschnitt und Klischeedruck realisiert – Techniken, die im digitalen Zeitalter ungewöhnlich erscheinen.

Seit gut einem Jahrzehnt gibt es einen Paradigmenwechsel im Bereich der grafischen Kunst. Es sind nicht mehr vorrangig Zeichner und Maler, die Drucke produzieren, sondern ebenso Künstler, die sich mit dem bewegten Bild, der dritten Dimension, Licht, Fotografie oder elektronischen Medien beschäftigen. In Ausstellungen tauchen ihre Druckwerke mit autonomem Status auf der gleichen Ebene wie Unikate auf. Es wird nicht vorrangig in druckgrafischen Kategorien gedacht, sondern an die adäquaten Mittel zum Ausdruck von künstlerischen Ideen. Auch an der HGB werden die Einführungskurse und Werkstätten vermehrt von Studierenden der Medienkunst und Fotografie besucht. Im Zeitalter der digitalen Medien befinden sich Begriffe wie Grafisches Denken im Prozess einer Umwandlung. Unsere Wahrnehmung sowie unser Anspruch an Bilder hat sich verändert und damit auch die Motivation Druckgrafik als Medium zu nutzen. In den 60er Jahren wurde Druckgrafik durch die Möglichkeit der kostengünstigen Vervielfältigung von Kunst als demokratisches Medium charakterisiert. Mittlerweile denken wir über die traditionellen Medien verstärkt in Bezug auf ihre spezifische Bildqualität nach, die im Kontrast zu der schnellen Bilderwelt der Gegenwart steht. Die Langsamkeit bei der Produktion der Bilder oder die Dauer, die ein Werk den Betrachtern beim Schauen abfordert, radikalisieren druckgrafische Kunstwerke im 21. Jahrhundert. Eine ganz wichtige Rolle in der Weiterentwicklung der druckgrafischen Medien spielen die Produktionsorte von Grafik – die Werkstätten der Kunsthochschulen sowie die kommerziellen und kommunalen Druckwerkstätten. Sie bilden Umgebungen, an denen Künstler, Studierende und Druckspezialisten gemeinsam miteinander forschen, die Medien kritisch befragen und die Grenzen des Möglichen stetig erweitern. Ein elementarer Auftrag unserer Lehre und Forschung muss darin bestehen, Traditionen zu erhalten und in die Gegenwart zu überführen. Wir experimentieren mit Möglichkeiten, die das Zusammenspiel zwischen unvereinbar erscheinenden Medien verdeutlichen und Anknüpfungsformen zu der schnellen, hoch technisierten Bilderwelt unserer Zeit suchen. Aktuell experimentieren wir gemeinsam mit dem Leiter des 3D Labors der HGB, Steffen Bachmann, an der digitalen Erstellung von Druckstöcken.

Aktuelle Beispiele junger Künstlerinnen und Künstler aus unseren Werkstätten sind die Bilder urbaner Raum(de)konstruktionen von Genaro Strobel, die auf mit einer 3D Fräse erstellten Druckstöcken beruhen; Lydia Wahrigs gigantische Panoramen, in denen sie Schrift, kartografische und landschaftliche Elemente verarbeitet und für die sie sich während ihres Erasmusstipendiums in Helsinki vorübergehend einen Bauzaun als Druckstock ausgeliehen hat; Anya Triestrams stetig wachsendes poetisches Tableau des Universums, für das sie kontinuierlich neue Druckplatten schneidet, wodurch sie dem Bildgeschehen von einer Ausstellung zur anderen neue Wendungen gibt; Jens Schuberts Installationen, in denen er zu seinen gedruckten Unikaten die Linoleumdruckstöcke zu großflächigen Bodenornamenten verwertet; Sebastian Speckmanns tapezierte Litfasssäulen oder seine Eingriffe in die Galeriesubstanz, in denen er die Wände großformatig wie Hochdruckplatten bearbeitet; Katharina Siegels experimenteller Filmloop aus Scans von den unterschiedlichen Stadien ihres Holzschnittes – in der Technik der verlorenen Form umgesetzt, ist hier eine konstruktivistische Komposition permanent in Entstehung und Auflösung – oderReymund Schröders Versuche mit selbst entwickelten Druckzylindern, die auf das bewegliche Lettersystem im Handsatz beruhen und bei denen eigens produzierte Schriften aus Magnetfolien ausgehoben werden. Die künstlerischen Ergebnisse sind vielfältig und ein Spiegel unserer Epoche. Sie bauen erfolgreich Brücken zwischen Tradition und Gegenwart sowie auch zwischen den verschiedenen Genres der bildenden Kunst. Gerade dadurch gelingt es, sich in der gegenwärtigen Bilderflut durchzusetzen sowie die kritische Befragung des Bildes als künstlerisches Medium weiterzuführen.